Reflexionsräume

Eine Nachlese zu meinen Klanginstallationen

Nachdem ich ja in meinen rein musikalischen Partituren sehr viel mit der Gewaltenteilung arbeite, d.h. oft und heftig die Eigenverantwortung des jeweiligen Solisten einfordere und ihn (oder sie) so in einen (hoffentlich) aktiveren Zustand als nur "Noten vom Blatt´l runterspiel´n" versetze, habe ich das zuerst auch auf meine Installationen übertragen wollen. Dann aber....

 

Eine Sache ist, einen Professionisten zu kitzeln und dadurch auf eine neue Bahn zu lenken, eine andere ist es, dasselbe mit dem "Endkonsumenten" zu versuchen (was natürlich das Ziel von Kunst ist, oder?). Das heißt im Klartext, daß die so moderne Interaktivität meistens nur Grauwerte hervorbringt, da dem Zuhörer-SeherIn ganz einfach zuviel zugemutet wird. Oder böser ausgedrückt: Alle werden zu Freizeitkapitänen erhoben, die dann glauben, was künstlerisch wertvolles vollbracht zu haben. Na ja. (Kann daher auch der Weibel´schen Beschreibung von "Kunst als offenes Handlungsfeld" und " die offene Praktik ersetzt das offene Kunstwerk" gar nicht folgen - es erscheint mir vielmehr wie das Geschrei der Futuristen, deren Ideen erst durch Varèse wachgeküßt, logisch zu Ende gedacht und in einen gültigen Kanon gegoßen wurden [Alle schreien jetzt auf wegen des Wortes "Kanon" - gemach, gemach!]

Ich habe akzeptiert (aus der Pubertät des vermeintlich offenen Handlungsfeldes selbst nur schwer heraustaumelnd [ich gestehe!], daß die Anforderungen an den "Künstler" auch gewisse Verantwortungen bezüglich des Ergebnisses einfordern - oder mir ist es halt wichtig (das ist zu salopp). Sagen wir vielmehr, daß wir nach der kompletten Diskontinuität (`dismantle´ wollte ich sagen und finde in meinem Wörterbuch neben dem Wort demontieren den wunderbaren - in Wien sehr gefährlichen - Ausdruck: abtakeln) oder der vollkommenen Demontage aller unserer Wertbegriffe in den sechzigern und siebzigern nicht mit Begriffen wie "offene Praktik" hantieren sollen, um unser Tun nicht komplett zu desavouieren. Dabei: Inkludiert nicht das Wort "Praktik" Begriffe wie: handhaben (ja was?) ZWECKmäßig (ja welcher Zweck?) und REGEL/RECHT (um Gottes Willen: Regeln auch noch) ??? Ist damit der Begriff "offene Praktik" als Worthülse genug entlarvt? Zum Selbstverständnis des künstlerischen Daseins (wenn es so etwas in einer immer mehr entsinnlichten Welt noch gibt, oder gerade eben deswegen umso konzentrierter!) gehört die Demontage immer als zweite Natur dazu!

Katherine Jánsky Michaelsen schreibt anläßlich einer Ausstellung: Disorder Disunity Disharmony Disequilibrium Discontinuity Dissonance Discordance Dislocation Displacement Disparity Disjunction Discrepancy Das Präfix "dis" beschreibt das Konträre oder das Nicht - Vorhandensein einer Sache: es Beinhaltet eine Negation oder Distanzierung von der akzeptierten Norm. Kein Wunder, dass amerikanische Teenager das Verb "to dis" als einen allgemein anwendbaren Terminus für Ablehnung oder Herablassung geprägt haben. Ohne das Präfix "dis" stehen wir dem Konzept von Ordnung, Einheit, Harmonie, Beständigkeit, Gleichgewicht, etc. gegenüber, eine idealer aber vergänglicher Zustand angesichts der rauhen Wirklichkeit der modernen Welt.

Aber nach Fluxus und Postmoderne muss dieses "DIS-" (welches uns selbstverständlich permanent immanent sein muß - um nur ja kein Mißverständnis einer neuen Romantik aufkommen zu lassen!!!) im Vorfeld des dann Dargestellten ab- und ausgehandelt werden. Mit größter Peinlichkeit (wobei Pein auch auf den sehr schmerzhaften Vorgang eines solchen inneren Disputes verweist, dem aber um keinen Preis ausgewichen werden darf und vom sogenannten Künstler in erster Linie zu leisten ist und nicht dem "Konsumenten" zu überantworten) muß der Kanon des jeweils neuen Stückes konstruiert sein, um dann – und so kommen wir wieder zur mir einzig sinnvoll erscheinenden Interaktivität – den freien Willen unseres Gegenübers aufzufordern, die Herausforderung anzunehmen.

Auf der einen Seite zeigt uns die Werbung, wie das heutige psychologische Wissen mißbraucht werden kann. Umso wichtiger ist es mir, konträr dazu ein Freifeld zu konstruieren, in das der Benutzer nach eigenen Willen einsteigt oder eben nicht, respektive die Möglichkeit hat, jederzeit einen Abbruch der Auseinandersetzung veranlassen zu können (was ihm ja auch erst die Sicherheit verleiht, sich auf wirklich gefährliches Terrain zu begeben, da er weiß, daß er immer die Kontrolle behalten wird – wenn er will). Andererseits zeigt uns die pseudodemokratische Tendenz zu immer mehr Volksabstimmungen (wann werden wir aufgerufen, über die Qualtität des im Parlament verwendeten Klopapiers mitzuentscheiden), daß durch (falsche) Verlagerung von Entscheidungsprozessen mehr zerstört, als gewonnen wird.

So versuche ich, in diesem Spannungsfeld auf etwas subtilere Weise die Interaktivität aufrecht zu erhalten, aber dabei die ZuschauerIn zart an meine fest geformte Hand zu nehmen, um ihr und ihm eine möglichst große Ausbeute des Vorgestellten zu ermöglichen. Andrerseits sind mir evolvierende Formen sehr wichtig (was bei Gott und allen anderen guten wie bösen Geistern nicht mit einem offen Handlungsfeld verwechselt werden darf): Also eine Gradwanderung, die von Stück zu Stück formal neu gedacht und ausformuliert werden muß. Das von Söke Dinkla sogenannte "flottierende Werk" ( "Vom Betrachter zum vernetzten Teilnehmer" Zur Geschichte der Interaktiven Kunst in ARCH+ 149/150, April 2000), das erst durch die Intervention seiner Teilnehmer entsteht, wird als eventuelles Modell genommen, wie es in postindustriellen Gesellschaften gelingen kann, möglichst viele Menschen an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen. Höre ich wieder den verblendeten Enthusiasmus der Futuristen, die in ihrer fanatischen Verehrung von Lärm nicht imstande waren, den lautesten damals denkbaren Lärm, den des glorreichen Krieges in seiner Lebensfeindlichkeit zu begreifen – diesmal als "Wut" zum Beteiligtsein an Entscheidungsprozessen (siehe Volksabstimmung oben)?

Um bei der Musik zu bleiben: Nicht zuletzt auf Grund heutiger Technologie tendieren alle Regeln und "Reihen” – nicht nur die sich in Halb- und Ganztönen bewegenden Tonleitern, sondern u.a. auch die "Chromatik” (chromos=Farbe) der Instrumentation und viele andere musikalischen Denk- und Konstruktionsansätze zu einer diskontinuierlichen Skala: Es herrscht totales Kontinuum – das "offene Handlungsfeld". Aber spätestens die Genforschung zeigt uns, daß es in der Natur keine Gleichheit gibt. Alle Einheiten funktionieren auf der Grundlage einer Differenzierung der Funktionen. Auch in der modernen Welt gilt: Gleichheit ist höchstens ein Ideal, keine Tatsache. Sie wird im Gegenteil als Vorspiegelung benutzt, um die auf immer "höherer" und exklusiverer Ebene stattfindenden Entscheidungsprozesse als demokratische Ereignisse zu travestieren. Diesem Vermummungsprozeß entgegenzuwirken, erfordert die totale Material- und Formverfügbarkeit eine noch klarere Kontrolle von "Spielregeln”, um aus dem nichtssagenden Grauwert aller Möglichkeiten eine definierte und somit erfahrbare Gestalt erstehen zu lassen (bewußt verwechsle ich Politik mit Kunst).

Kommen wir zurück zum Versuch, meine Installationen einzuordnen und herauszufinden, warum abstrakte Musik allein in gewissen Situationen mir nicht mehr hilft, den von mir erfundenen (oder sich im dauernden Erfindungsstadium befindlichen) Alternativvorschlag wirksam werden zu lassen (und schließen jede Form herkömmlicher Bühnen (= Opern)musik sowieso von vorneherein wegen Inkompatibilität auf mehreren Ebenen aus). Bei "Think a smile" war ich nahe daran, von Meditationsbildern zu sprechen. Nachdem man aber Wörter wie Heimat, Blut und Boden, Meditation etc. nicht mehr in den Mund nehmen kann, weil sie falsch belegt sind (oder simpler: durch unser hirnrissiges Dasein eine neue semantische Bedeutung erfahren haben), meine Sachen aber alle eindeutig auf das ruhige Abwägen (was nicht im Widerspruch zu einer großen inneren Unruhe steht, im Gegenteil!) eines Gegenvorschlages (oder weniger polemisch: schlicht einer anderen Sicht, die versucht, vielleicht Verschüttetes, vielleicht nie Beachtetes hervorzustellen) abzielen, um den Besucher für eine kleine Weile (es gibt von Dowland einen Titel, den ich gerne erfunden hätte: music for a little while) aus dieser Welt abzuziehen und ein neues Tor zu öffnen, spreche ich von "Reflexionsräumen".

Die Ureinwohner Amerika´s kennen in ihrer Sprache weder Zukunft noch Vergangenheit: Ein Faktum, das mich immer mit großer Faszination erfüllt hat, weil es als Grundhaltung ein konzentriertes Jetzt manifestiert. Durch die Aufforderung: Carpe diem! verraten die Europäer schon wieder ihre intellektuelle Verzettelung. Die Sonantenhauptsatzform jedoch zeigt uns in genialer Form, wie sich Zeit zum Punkt schließen kann und überflügelt damit die Mathematik, die ja nur theoretisch von Null Ausdehnung fabulieren kann: Beim Eintritt der Reprise, bei der Wiederholung des also in der Exposition dargestellten empfinde ich immer, in ein schwarzes Loch zu fallen. Nun versucht uns die Astronomie nahezubringen, daß es sich dabei um durch Implosion erreichte, unwahrscheinliche Konzentration von Materie oder Energie handelt. Analog dazu empfinde ich das Abarbeiten des Materials in der Durchführung als Voraussetzung, daß die Reprise diese Triggerfunktion zur Implosion von Zeit bekommen kann.

So versuche ich, mit "Floating Point" in der Horizontale, mit "Im Licht…verborgen" in einer von Innen und Außen zu betrachtenden Dreidimensionalität eine Art umgekehrter Zeitmaschine zu schaffen: Durch das Innehalten wird nicht, wie im herkömmlichen Sinn befürchtet, Zeit verloren (was immer das heißt), sondern Zeit aus allen Dimensionen akkumuliert: Je nach Vermögen des Einzelnen schichten sich viele Ereignisse zur momentanen Pluralität.

Wenn also "Kunst die Höchstentwicklung des kreativen Potentials des Menschen in der Versinnlichung seines intellektuellen, emotionalen und sozialen Vermögens ist" (Manfred Wagner:"Stoppt das Kulturgeschwätz!“), dann will ich darauf abzielen, in diesem unseren wahnsinnigen Tempo (aber ich vermute, daß das Tempo zu allen Zeiten in Relation zum jeweiligen Wissensstand immer sensationell schnell war) mit neuen Formen (= Technologien?) eine Art Besinnlichkeit zu schaffen (natürlich auch über diese Technologien, von denen ich ja enorm profitiere, um so das "offene Handlungsfeld" sinnvoll – nein: in ein Jetzt einzugrenzen [obwohl "Besinnlichkeit" ja wieder fast so ein Unwort ist]) und im Betrachter durch einen Moment des Innehaltenmüssens einen Widerschein oder Nachhall auszulösen, um vielleicht zu dieser "Versinnlichung" vorzustoßen.

 

Kurz gefaßt: Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Was ist oben, was ist unten (und wir sind noch lange nicht bei Hermes Trismegistos!)