unscharf  ist schön

… rauf / runter … stärker / schwächer …

Bewegungen, schneller als Bruchteile von Sekunden …

Intensitäten, in kürzeren Abständen als ein Lidschlag wechselnd …

tausende Wellen, in jeder Nanosekunde neu gemischt …

geblasen, gezupft, geschlagen, gestrichen …

Holz auf Holz, Holz auf Metall, Filz auf Metall, Kork auf Fell, Luft auf Holz, , etc...

weiter oben, härter, nachgiebiger, schnell wechselnd, schräg gesetzt …

… Klang – Klangfarbe – Ton – Musik …

… Celloton, col legno (mit der Bogenstange), sehr leise gestrichen (Ausschnitt: 0.2 sek)

es war einmal …

Durch die großen Völkerwanderungen und die mitgebrachte Beute aus den Kreuzzügen wird der Okzident innerhalb weniger Jahrhunderte mit einer unübersehbaren Menge „fremder“ Instrumente, die nur langsam assimiliert werden, überschwemmt. Seitdem bewegen wir uns – immer abhängig von den aktuellen gedanklichen und den daraus folgernden handwerklichen Ressourcen – in Richtung immer neuer Klänge und Klangzusammenhänge.

 

Gleich den Gemälden der primitiven Malerei tönt ein grell leuchtendes Instrumentarium in der scharf gezeichneten Musik des ausgehenden Mittelalters. Die schrillen Pfeiffen, lauten Schlaginstrumente und schnarrenden Saiteninstrumente werden vom Bedürfnis nach der Vertiefung harmonischen Gefühls abgelöst und plötzlich stehen akkordfähige Instrumente wie: Laute, Cembalo, Clavichord etc. an der Spitze. Die Gleichberechtigung aller Stimmen, d.h. ähnliche Farben in jeder Stimme (der Kontrapunkt – die Mehrstimmigkeit – ist erfunden), führt bei einstimmigen Instrumenten zur „Großfamilienbildung“ (Großbaßflöte oder Oktavfagott sind der letzte Schrei). Die jetzt wachsende Empfindsamkeit trifft eine scharfe Auslese unter diesen Instrumenten – ein vergleichsweise armes Häuflein steht den Meistern der Wiener Schule in der Klassik zur Verfügung. Nach einer Zeit der Übersichtlichkeit und Klarheit strebt die Musik im ausgehenden 18. Jhdt. zum Wuchtigen, Übermenschlichen: Instrumentenrahmen werden verstärkt, Mensuren vergrößert, Bögen anders gespannt – mit einem Wort: der Druck wird erhöht! Ganze Batterien von Trompeten und Horninstrumenten zeichnen die heroischen Farben der Romantiker. Zugleich zwingt das Abwandern der Musik von der „camera“ zum öffentlichen Konzertsaal die immer virtuoser auftretenden Solisten zu lauteren, stärkeren, (auf)wendigeren Tönen. Ihre Instrumente – im anbrechenden Industriezeitalter mit immer größerer Komplexität und Präzision ausgestattet – werden zu Einzelwesen mit ausgeprägter Individualität und eigener Ausdruckswelt. Heute können elektronische Musikinstrumente (Silikon sei Dank) jede Form annehmen (ja! Auch in der Musik!) und in jeder erdenklichen Weise gespielt werden.

 

Andersrum: Waren zu Beginn der Europäischen Musikentwicklung nicht nur die Komponisten anonym, sondern auch die Besetzung der (oft nur die Vokalmusik begleitenden) Instrumente fast beliebig, beginnt Giovanni Gabrieli um 1600 einzelne Stimmen seiner Partituren ausgesuchten Instrumenten zuzuweisen – die Klangfarben mitzukomponieren. Wenig später werden die „Brandenburgischen Konzerte“ von J.S.Bach zu einem einzigen Labor neuen Orchestrierens: jedes dieser Konzerte ist anders besetzt, leuchtet in anderen Klangspektren. Wagner läßt gar ein eigenes Instrument bauen, um seine Klangvorstellungen umzusetzen und schließlich radikalisiert Claude Debussy die Situation konsequent mit der Forderung, aus der Komplexität der Naturgeräusche neue Musik abzuleiten. Edgar Varèse stellt seine Arbeit unter die Maxime, die um 1850 von Hoëné Wronsky definiert wurde: „Musik ist die Verkörperlichung der in den Klängen selbst gelegenen Intelligenz“ und leitet damit den von Debussy geforderten Paradigmenwechsel ein, der die Tonhöhe zugunsten anderer Parameter (vor allem der Klangfarbe) zurückdrängt. Komponisten, die elektroakustische Mittel zur Neudefinierung des musikalischen Standpunktes verwenden, setzen jetzt diesen aufregenden Weg fort.

 

Schnelle Kurven

Die Elektrizität ist erfunden und bald lesen wir „ … dass die freie Erzeugung des Klanges durch die Electrizität ermöglicht erscheint und dass dann mit der Anwendung der Elektricität in der Musik diese Kunst in eine ganz neue Entwicklungsphase treten wird…“ (Zeitschrift für Instrumentenbau,1886!). Tatsächlich ist die Elektrizität das probateste Hilfsmittel, um der Intelligenz, die in den Klängen liegt, nachzuspüren!

 

Betrachten wir eine Ulme, eine Tanne, einen Apfelbaum: Aus der Gesamtheit des Baumes erkennen wir, ob Laub- oder Nadelbaum, ohne deswegen über das einzelne Blatt, die einzelne Nadel Bescheid wissen zu müssen. Klang verhält sich analog. Viele simultane Schwingungen addieren sich zum Klangbild, das uns erlaubt, einen Autocrash von einem Flötenton zu unterscheiden. Sind wir in Biologie gebildeter, gelingt uns durch Analyse einzelner Blätter dieser Bäume eine spezifischere Unterscheidung – wissen wir über die Symptome der Musik besser Bescheid, können wir zwischen einem tiefen Geigen- und hohen Celloton differenzieren. Sind wir gar im Besitz eines speziellen Computerprogramms, können wir das unbekannte Wesen „Klang“ mikroskopisch genau betrachten – und vor allem: verändern und neu erfinden. Kurz: die praktische Anwendung des nach seinem Entdecker, dem Physiker Jean Baptiste Fourier (1768- 1830) benannten Theorems: Jede noch so komplizierte (periodische) Kurve läßt sich auf eine Mischung einzelner Sinusschwingungen zurückführen.

schwarz: ursprünglicher Klang, rot-violett: 2 aus der Analyse resultierende Sinustöne

Ein Verhältnis muss sein

Die einzelnen, nach einer Fourier-Analyse gefundenen Sinustöne haben Schwingungen, die immer dasselbe Grundmuster bilden – nämlich ganzzahlige Vielfache der tiefsten Frequenz. Das wiederum bestätigt eindrucksvoll einen der größten Aufklärer: Pythagoras zeigt mehr als 2000 Jahre vorher mit seinem Monochord – man könnte sagen: einer großen, einsaitigen “Geige” – , daß eine zum Tönen gebrachte Saite nicht bloß als Ganzes schwingt, sondern auch ihre Hälfte, ihre Drittel, ihre Viertel usw. in unterschiedlich abgeschwächtem Maße mitschwingen, so daß die Saite nicht bloß eine einzelne harmonische Schwingung (den Sinuston) hervorbringt, sondern eine Summe von Tönen hergibt, die wir einheitlich als einen Klang entgegennehmen. Er enthüllt mit diesen meßbaren Werten die Bedeutung der Verhältnisse der Töne zueinander – nichts weniger als die Entdeckung der Obertonreihe – und ermöglicht jedermann, Tonverhältnisse zu begreifen und mit ihnen Versuche anzustellen. Niemand ist alleine Dieses physikalische Phänomen der in einem Klang gleichzeitig schwingenden Partialtönen ist den Spektralfarben der Malerei vergleichbar: Je nach Zusammensetzung und Gewichtung der einzelnen Grundfarben entsteht ein neuer Farbton (hellblau, dunkelrot ...). Die Auswahl und Lautstärke einzelner Obertöne kreiert die Tonfarbe (Trompete, Klavier, brechendes Holz, Dieselmotor, das Klirren einer berstenden Glasscheibe, Buchumblättern, Regenprasseln etc.)

 

Zwischentöne

Versetzen wir uns in einen Blinden ohne musikalische Vorbildung: Was er von symphonischer Musik wahrnimmt, sind nicht Töne, sondern kompliziert ineinander verflochtene Klangobjekte. Wer als Zuhörer einen komplexen Klang in einem bestimmten Moment vernimmt, den kümmert nicht, ob der Teilton 13 von der Oboe oder die Komponente 22 teils von den Violinen, teils von der Tuba oder Harfe herrührt.

 

Das Klangobjekt ist autonom – unabhängig von der Art und Weise seiner Entstehung.

unscharf ist schön

Eine Anzahl Kurven einander zu überlagern, ist so einfach wie das Mischen von Mehl, Ei, Milch, Zucker, Salz etc. Daraus eine delikate Köstlichkeit zu komponieren, bedarf nicht nur der über Generationen überlieferten Geheimrezepte, sondern auch des geübten Umgangs mit ihnen. Anfangs der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte man technisch zum erstenmal die Möglichkeit, einzelne Sinuswellen in den von Pythagoras beschriebenen Verhältnissen exakt zusammenzusetzen und so neue Klänge abseits des herkömmlichen Orchesterapparates zu kreieren. Die Ergebnisse waren ernüchternd (vergleichen Sie die „Einfachheit“ des so fabrizierten Klanges mit der Spektrografie am Anfang des Artikels), aber der erste Schritt in die von Debussy und Varèse erahnte Welt war getan. Die ganze Pracht dieses neuen Universums, die sich bis heute in unzählbaren Schattierungen entfaltet, begann sich zu entpuppen!

Schnell lernen die Pioniere: Der in unbeweglichen Proportionen hergestellte Klang wird nicht als einheitlich apperzipiert; er zerfällt beim Hören wieder in seine Einzelteile. Die ersten ComputerKlanganalysen mechanischer Instrumente der 60er Jahre offenbarten ein sehr viel komplexeres Obertonverhalten, als bis dato angenommen. Nicht die strenge Proportion 1:2, 2:3 etc., sondern die andauernde Abweichungen davon waren offensichtlich ausschlaggebend, um komplexe, für unsere Wahrnehmung interessante Klänge zu produzieren (siehe Phonographie ‚Celloton’, wo kaum parallele Linien existieren, die auf gleichbleibende Proportionen hinweisen würden, obwohl das Ohr den „richtig gestimmten“ Ton wahrnimmt). Wie schnell und komplex die Bewegungen von Intensitätsänderungen sind, sehen Sie an der Vergrößerung eines Spektraltones des Cellos: der Farbwechsel drückt die Lautstärkenänderung aus – die Kurvatur der Linie die Tonhöhenschwankungen:

Offensichtlich verschmelzen die Einzelkomponenten erst zu einem einheitlich wahrgenommenen Klang, wenn die Mathematik durch Unschärfe relativiert wird.

 

... as time goes by

Musik ist also eine Kunst der Zeitmodulation: Klang exisitiert nur durch Bewegung in der Zeit. Wie kompliziert das Zusammenspiel dieser Bewegungen tatsächlich ist, zeigt eine andere Studie: Ein akustisches Vorkommniss konstatiert unser Gehirn innerhalb einer Millisekunde. Um jedoch die Klangfarbe dieses Ereignisses bestimmen zu können, benötigt unsere „Software“ das hundertfache an Zeit: erst nach 100 ms tritt Klarheit über die Bewegungsmuster der uns umgebenden Klangwellen ein! Natürlich bin ich verführt, das auch als Abbild der Entwicklung von Musikgeschichte zu interpretieren: Unsere (mentale) Hörfähigkeit wird immer differenzierter: von einfachen Rasseln und anderen rhythmusgebenden Signalinstrumenten aus Urzeiten bis zu den hochkomplexen Klangfarbenkompositionen des digitalen Zeitalters. So haben wir mit heutiger Computertechnologie eine Reihe von Methoden entwickelt, die mit dezentralisierter Effizienz – so wie ein wohlgestaltetes Menü vieler verschiedener Zutaten und Kochvorgänge bedarf – ein ganzes Netzwerk (re)aktiver oder gar interaktiver Kontrollen in Gang setzen: „Ameisenaktivität“, um …

Aber das ist eine andere Geschichte …

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